„Wilde Vertreibungen“ – „ordnungsgemäße Überführung“

Etwa 12,5 Millionen Bürger des Deutschen Reiches und Angehörige deutscher Minderheiten in Ostmitteleuropa waren zwischen 1940 und 1950 von Flucht und Vertreibung betroffen. Hundertausende fanden dabei den Tod.

Gut die Hälfte gelangte durch Flucht und Evakuierung bis Kriegsende im Mai 1945 auf das Gebiet des heutigen Deutschlands.

Die zurückgebliebene oder von der Front überrollte Bevölkerung wurde Opfer der sogenannten „wilden“ – also ohne Rechtsgrundlage vorgenommenen – Vertreibungen. Polen und die Tschechoslowakei wollten damit bis zur Potsdamer Konferenz im Juli vollendete Tatsachen schaffen. Hunderttausende Menschen wurden vertrieben, in Lagern inhaftiert oder zur oft jahrelangen Zwangsarbeit deportiert.

Die Konferenzbeschlüsse eröffneten die letzte Phase von Flucht und Vertreibung: die organisierten Zwangsaussiedlungen. Diese wurden aber nicht wie vereinbart in „ordnungsgemäßer und humaner Weise“ durchgeführt. Die Folgen der deutschen Eroberungs-, Besatzungs- und Vernichtungspolitik waren dafür ebenso verantwortlich wie der Wunsch der Alliierten und der ostmitteleuropäischen Staaten, ethnisch homogene Nationalstaaten zu schaffen.

Abbildungen:
1.) Potsdamer Konferenz
Die Staatschefs der drei alliierten Siegermächte Winston S. Churchill (Großbritannien), Harry S. Truman (USA) und Josef Stalin (UdSSR) berieten im Potsdamer Schloss Cecilienhof im Juli 1945 über Neuordnung Deutschlands und Europas. Als Ergebnis legte das Potsdamer Abkommen die völkerrechtlichen Grundlagen für den Aufbau eines friedlichen und demokratischen deutschen Staates fest. Zugleich wurde die Oder-Neiße-Linie von den Westmächten als Ostgrenze vorläufig anerkannt. Eine endgültige Festlegung der Ostgrenze erfolgte jedoch erst 1990 nach dem Ende des Ost-West-Konflikts und der deutschen Wiedervereinigung.
Bundesarchiv, Bild 183-H27035, Foto Juli 1945

2.) Gertrud Lerbs-Bernecker, Der Weg ist noch nicht zu Ende, Lithographie, 1946
Die Ostpreußin Gertrud Lerbs-Bernecker (1902-1968) erhielt als erste Frau und Meisterschülerin Heinrich Wolffs an der Königsberger Kunstakademie ein Atelier. Nach ihrer Flucht kam sie in Lüneburg unter und wurde eine der bekanntesten deutschen Künstlerinnen in der Nachkriegszeit. Ihre Erlebnisse verarbeitete sie in einem Zyklus über Flucht und Vertreibung.