Mit Ausbruch des Weltkriegs endete eine Phase wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Stabilität. Ostpreußen war als einzige Region in Deutschland Kriegsschauplatz und erlitt Besatzung, Zerstörungen und Übergriffe. Auch wenn die russischen Armeen das Gebiet nur für wenige Monate besetzt hielten, waren die Zerstörungen im östlichen und südlichen Landesteil erheblich.
Der Erste Weltkrieg wird heute mit dem millionenfachen Sterben in Langemarck oder in den Schützengräben von Verdun an der Westfront erinnert. Weniger bekannt sind die Kriegshandlungen an der Ostfront. Schon damals, 30 Jahre vor 1945, wurde Ostpreußen vom Krieg überrollt, Städte, Dörfer und Höfe zerstört und die Zivilbevölkerung zur Flucht gezwungen. Der rasche Sieg Paul von Hindenburgs 1914/15 ermöglichte aber bereits nach wenigen Wochen eine Rückkehr. Gerade dieser Erfolg sollte auch nach Kriegsende, dem Ausrufen der Weimarer Republik und der Abdankung Kaiser Wilhelms II. dazu beitragen, dass ein Großteil der ländlichen Bevölkerung die adligen Eliten und ihre politisch konservative, oft republikfeindliche Orientierung weiterhin unterstützte.
Abbildung:
W. Semm: Erinnerungen an die Russentage, 1915
Ausdruckstark bringt die Lithographie die Not der Bevölkerung auf der überhasteten Flucht vor feindlichen Truppen zum Ausdruck. Die Bildsprache ähnelt stark entsprechenden Kunstwerken aus den Jahren nach 1945. Die 1914/15 durchlebte Erfahrung, nach einer Flucht rasch wieder auf heimischen Boden zurückzukehren, trug zu der trügerischen Hoffnung auf Rückkehr nach Flucht und Vertreibung 1945 bei.