Nach der Eroberung Livlands im Mittelalter verloren Esten und Letten ihre bäuerliche Freiheit und wurden wirtschaftlich und rechtlich von ihren deutschen Herren immer abhängiger. Am Ende des 18. Jahrhunderts verloren sie jede Freizügigkeit und konnten als Leibeigene verkauft werden. Erst die Agrarreformen des 19. Jahrhunderts verbesserten ihre soziale Lage.
Arbeitspflichten und Ernteabgaben ließen der Landbevölkerung nur ein karges Auskommen. Durch Kriege, Seuchen, Missernten und Verschuldung gerieten Bauern und Landarbeiter in immer größere Abhängigkeit von den Gutsherren. In ihrer Alltags- und Festkultur entwickelten sie regional unterschiedliche Formen und Bräuche.
Unter den Schweden wurden die Pflichten der Bauern gesetzlich geregelt. Danach blieben sie unter russischer Herrschaft im 18. Jahrhundert faktisch der Willkür der Gutsherren überlassen. Mit den Bauernverordnungen von 1816 bis 1819 wurden die Bauern persönlich frei, blieben aber ohne Landbesitz.
Nach den Agrarreformen von 1849 und 1856 entstand ein estnisches und lettisches bäuerliches Grundeigentum. Sehr bald machten die Bauernwirtschaften dem Großgrundbesitz erfolgreich Konkurrenz.
Abbildung:
Seite aus dem Wackenbuch von Altenwoga in Livland, 1822
Livländische Ritterschaft, Herder-Institut, Dokumentesammlung
Ein Wackenbuch war ein Verzeichnis der Fronarbeitspflichten und Abgaben der Bauern an ihren Grundherren. Hieran waren beide gebunden. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden diese Abgabepflichten jedoch ständig erhöht und die Normen der Wackenbücher missachtet. Die estnischen und lettischen Bauernwirtschaften waren somit oft darauf angewiesen, zusätzliche Knechte und Mägde zu beschäftigen, um die Fronleistungen erbringen zu können.