Im Herzogtum Preußen begann jüdisches Gemeindeleben mit dem „Großen Kurfürst“, der ihr Wirtschaften förderte und 1680 eine erste Betstube in Königsberg erlaubte. 1812 erhielten Juden die preußische Staatsbürgerschaft, Gewerbe- und Niederlassungsfreiheit. Vollumfängliche Bürgerrechte bekamen sie erst 1869. Preußen war damit liberaler als andere Staaten.
Die Königsberger Gemeinde wuchs daher rasch auf 5.000 Personen (3,5 % der Stadtbevölkerung). Bekannt war sie als Zentrum der jüdischen Aufklärung. Wichtige Vertreter des deutschen Liberalismus, Wissenschaftler und Unternehmer entstammten ostpreußischen jüdischen Familien. Bei ihrem gesellschaftlichen Aufstieg wurden sie jedoch benachteiligt, weshalb viele zum Christentum konvertierten.
Antisemitismus war in Ostpreußen lange weniger ausgeprägt als in anderen Regionen des Reiches. Nach 1933 wurden aber auch hier Juden entrechtet, verfolgt und schließlich ermordet. Von den 1939 noch über 3.000 jüdischen Ostpreußen überlebten nur einzelne.
Abbildungen:
1.) Der Großkaufmann und Vorsitzender der Stadtverordnetenversammlung Max Arendt (1843-1913) mit seiner Enkelin, der späteren Philosophin Hannah (1906-1975). Ihre Eltern zogen 1910 aus dem orthodox geprägten Hannover zurück zum liberalen Reformjudentum Königsbergs, neben Breslau und Berlin ein Zentrum dieser Strömung. Noch 1964, nach 30jährigem Exil, äußerte sie: „In meiner Art zu denken und zu urteilen komme ich immer noch aus Königsberg.“
2.) Die Neue Synagoge in der Königsberger Lindenstraße gegenüber der Dominsel
Die zu ihrer Einweihung 1896 von Bürgermeister Karl Brinkmann gehaltene Ansprache belegt das selbstverständliche Zusammenleben von Christen und Juden, spricht aber auch überwunden geglaubte Vorurteile an:
„Längst verrottete, aber tief eingewurzelte Anschauungen wagen sich wieder ans Tageslicht. Falsche Begriffe von Ehre und Ehrgefühl werden wieder wach und trotzen besseren und aufgeklärteren Meinungen.....Vergessen sind die Lehren und Erfahrungen früherer Zeiten. Der große Preußenkönig Friedrich II. scheint umsonst gelebt und Lessing seinen Nathan umsonst geschrieben zu haben.… Mit noch mehr Stolz aber möchte ich behaupten, daß an Ihrem Feste die gesamte Königsberger Bürgerschaft freudigen Anteil nimmt… Hier in Königsberg leben die Bekenner aller Religionen und Konfessionen in Frieden und Eintracht neben- und miteinander. …. Empfänglich für jede Weiterentwicklung des Menschengeschlechts, erglüht für Kunst und Wissenschaft, erfüllt von wahrer und echter Humanität, dabei folgsam den Staatsgesetzen und königstreu, so steht nicht bloß vor meinem Geiste derselbe Jude, den man ehemals verbannte und dem heute nur noch verblendete Fanatiker seine Rechte kürzen wollen, so muß er allen erscheinen, die nur gerecht sein wollen.“