„Kleine Kindergestalten flohen in panischer Angst über die Straße“ – Terror und Mord im nationalsozialistischen Ostpreußen

Kaum an der Macht begannen die Nationalsozialisten mit der Verfolgung von weltschaulichen Gegnern – wie Kommunisten, Sozialdemokraten und vereinzelt Christen – sowie von Homosexuellen, vor allem aber von Juden.

Das neue Regime erklärte Juden zu „Volksfeinden“, die von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen wurden –  durch Berufsverbote und Boykotte jüdischer Geschäfte, teilweise begleitet von offener Gewalt.

Am 9. und 10. November 1938 brannten die ostpreußischen Synagogen, Hunderte Juden wurden verhaftet, fünf aus Heilsberg und Neidenburg ermordet. Fortan prägten   die Kennzeichnungspflicht mit dem gelben Stern und Zwangsarbeit den Alltag der Juden, eine Auswanderung wurde nahezu unmöglich. Die jüdische Gemeinde in Königsberg sank von 3.000 Mitgliedern 1933 auf knapp 1.200 im Sommer 1942, als jüdische Ostpreußen ins weißrussische Minsk deportiert und von der SS ermordet wurden. Auch die ostpreußischen Sinti wurden als »Zigeuner« erfasst, in Lager wie am Contiener Weg in Königsberg gesperrt und getötet.

Bereits im Frühjahr 1940 ließ die SS ostpreußische Heil- und Pflegeanstalten räumen und die Patienten nach Soldau bringen, wo das „Sonderkommando Lange“ sie in Gaswagen erstickte.

Titelzitat:
Beschreibung der Reichspogromnacht vom Direktor der Königsberger Jüdischen Schule David Franz Kälter, als das jüdische Waisenhaus dem Mob ausgeliefert war.

Abbildungen:
1.) Henry Wittenberg (1879 –1952) und seine Frau Thekla, 1938.
Henry Wittenberg wurde 1935 von Hitlerjungen misshandelt. Das Schaufenster seines Ledergeschäfts in Osterode war beklebt worden, er stellte die Täter zur Rede. Für diese „Untat“ wurde er mit dem Schild „Dieser dreckige Jude hat einen deutschen Jungen geschlagen“ durch die Stadt getrieben. Das Ehepaar konnte rechtzeitig mit seiner Tochter in die USA emigrieren, der Sohn nach Uruguay.
Foto: Privatbesitz

2.) Die Ostpreußen feierten den Anschluss des Memellandes im März 1939. Den dort lebenden Juden entzog er die Lebensgrundlage. Das Bild zeigt Aron Puhn, seine Frau Ella und die Töchter Civa und Aviva auf der Flucht zum Memeler Bahnhof. Die Familie des Druckereibesitzers konnte Memel verlassen, kam aber später im litauischen Schaulen um.
Foto: Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin