Im westlichen Deutschland wurde und wird die Erinnerung an Flucht und Vertreibung sowie den deutschen Osten offiziell wachgehalten. Im Unterschied dazu wurde in den Ländern des ehemaligen Ostblocks einschließlich der DDR versucht, dieses Gedenken völlig zu unterbinden. Nicht nur das „deutsche Ostpreußen“ wurde tabuisiert, zuweilen verleugnet.
Doch auch wenn etwa ein Drittel der Bundesbürger familiäre Wurzeln in den ehemaligen deutschen Ostgebieten und anderen Ländern Ostmitteleuropas hat, war die bundesdeutsche Gesellschaft seit den 1960er Jahren mit Blick auf die Erinnerung an den deutschen Osten lange gespalten. Sie blieb im Schlepptau der politischen Auseinandersetzungen zwischen Ost und West während des Kalten Krieges. So zögern heute viele Menschen, alte deutsche Ortsnamen zu verwenden und fahren wie selbstverständlich nach Polen, aber nicht etwa nach Ostpreußen oder Schlesien in den Urlaub. Dafür nimmt das Interesse an der deutschen Geschichte und seiner Bewohner bei unseren ostmitteleuropäischen Nachbarn stetig zu, auch wenn die Geschichte häufig jeweils anders interpretiert wird. Erst seit dem Fall des Eisernen Vorhangs setzt sich in der Öffentlichkeit, und zwar sowohl in Deutschland als auch in den ostmitteleuropäischen Staaten, die Erkenntnis durch, dass Deutsche im Zweiten Weltkrieg nicht nur Täter, sondern auch Opfer sein konnten.
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Abbildung:
Teilnehmer einer Studienreise des Ostpreußischen Landesmuseums vor dem wiedererrichteten Kant-Denkmal von Christian Daniel Rauch in Königsberg / Kaliningrad, 2012
Wesentliche Initiatorin der Wiederaufstellung des im Krieg zerstörten Denkmals war die Journalistin und gebürtige Ostpreußin Marion Gräfin Dönhoff (1909-2002). Sie hat sich früh und intensiv für die Verständigung mit den ostmitteleuropäischen Ländern eingesetzt und ist dafür vielfach gewürdigt worden. Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels gehören ebenso dazu wie die Ehrendoktorate der Universitäten Toruń, Kaliningrad und der Columbia University New York. „Das einzige, was ich in meinem Leben als eine wesentliche Tat ansehe, ist die Wiederbeschaffung des Kant-Denkmals für Königsberg“, schrieb Marion Dönhoff rückblickend.