Von der führenden Schicht zur Minderheit

Im 19. Jahrhundert gerieten die Deutschbalten durch die „Russifizierung“, die ihre Privilegien beschnitt, unter Druck. Die Russischen Revolutionen ab 1905 und die Folgen des Ersten Weltkriegs führten zur verstärkten Abwanderung der deutschen Minderheit aus ihrer baltischen Heimat, die ihren Höhepunkt in der Umsiedlung 1939 fand.

Die „Russifizierung“ erzwang eine Angleichung an die Verwaltungsstrukturen des russischen Landesherrn. Sie sah den alleinigen Gebrauch der russischen Sprache in Behörden, Schulen und im öffentlichen Leben vor, womit die deutschbaltische Landesverwaltung auf politischem und kulturellem Gebiet eingeschränkt wurde.

Als am Ende des Ersten Weltkriegs 1918 Estland und Lettland unabhängig wurden, bedeutete dies für die Deutschbalten den endgültigen Verlust ihrer Vorrechte und den Übergang in die Rolle einer nationalen Minderheit.

Einig war man sich in der Abwehr der Russischen Revolution. Als Voraussetzung hierfür wurde von den jungen Staaten die Landverteilung durch Enteignung des Großgrundbesitzes angesehen, so dass bei vielen Deutschbalten trotz anfänglich weitgehender Minderheitenrechte eine Bleibeperspektive schwand.

Abbildungen:
1.) Buchseite der Livländischen Antwort von Carl Schirren
Carl Schirren wurde zum Wortführer des Abwehrkampfs der baltischen Deutschen gegen die sogenannte „Russifizierung“. 1869 veröffentlichte er die Schrift „Livländische Antwort“ auf eine panslawistische Publikation des russischen Intellektuellen Jurij Samarin. Schirren berief sich auf die verbrieften Rechtspositionen der deutschen Balten. Er stellte sich in scharfer Form gegen die zentralistischen Angleichungen und verteidigte die Werte einer praktizierten Eigenverantwortlichkeit und regionalen Kultur.

2.) Dreisprachige Postkarte „Dorpat Steinbrücke“ / „Tartu Kiwisild“ / „Jurjew Kamennyj Most“, um 1900
Von der „Russifizierung“ waren neben den deutschsprachigen Balten auch die Esten und Letten und ihre muttersprachlichen Schulen betroffen. Höhepunkte der staatlichen Maßnahmen waren die Aufhebung der Autonomie der Universität Dorpat in den 1880er Jahren mit der schrittweisen Einführung der russischen Vorlesungssprache und die Umbenennung von Dorpat in Jurjew im Jahre 1893. Unter der neuen Bevorzugung der russisch-orthodoxen Staatskirche litt auch die evangelische Kirche. Erste baltische Familien wanderten ins Deutsche Reich ab.